Wie Experten mit einer Kräuter-Teeverkostung den Geschmack von Heilpflanzen zur Bestimmung nutzen.

Die Fähigkeit, durch den Geschmack die Eigenschaften von Heilpflanzen zu bestimmen, ist eine der ältesten und fundamentalsten Praktiken der Kräuterheilkunde. Lange bevor die moderne Laboranalytik Inhaltsstoffe isolieren konnte, verließen sich Heiler und Heilerinnen auf ihre Sinne – allen voran den Geschmackssinn.
Diese Methode, oft als organoleptische Prüfung bezeichnet, ist weit mehr als nur eine subjektive Wahrnehmung. Sie ist eine hochentwickelte diagnostische Technik, die direkte Rückschlüsse auf die pharmakologische Wirkung und die energetischen Qualitäten einer Pflanze zulässt. Dieser Artikel bietet eine professionelle Anleitung in 6 Schritten, um die Bestimmung von Heilpflanzen durch ihren Geschmack zu erlernen.
Kräuter-Teeverkostung Ausführung
Kräuter-Teeverkostung gibt dir ein praktisches Werkzeug. Du nimmst Kräuter, machst Tee daraus und schmeckst, was dir die Pflanze sagt. So erkennst du Geschmack, spürbare Wirkung und bekommst Hinweise auf Inhaltsstoffe. Diese Methode ergänzt chemische Analysen, welche wir zu Hause nicht machen können, und kann dir helfen, eigene Mischungen zu entwickeln.
In diesem Artikel beschreibe ich drei einfache Tests mit Tee — Verkostung, Wirkungseindruck und Kombination — und zeige, wie du sie gezielt nutzt.
Test 1: Geschmack und Sensorik – Der erste Eindruck bei einer Kräuter-Teeverkostung:
Ablauf
- Nimm 1–2 g getrocknete Pflanze (Blätter, Wurzel, Blüte)
- Übergieße mit ca. 200 ml heißem Wasser (je nach Pflanze 90–100 °C)
- Lasse 5–10 Minuten ziehen
- Probiere bei 35–40 °C, nimm kleine Schlucke, halte kurz im Mund
Worauf du achtest
- Geschmack: bitter, süß, scharf, adstringierend, aromatisch, sauer
- Mundgefühl: pelzig, ölig, trocken, mild, weich, befeuchtend
- Nachgeschmack: kurz, lang, weich, zusammenziehend, wärmend, kühlend
Warum das wichtig ist
Der erste Eindruck gibt Hinweise auf mögliche Stoffgruppen. Bitter kann auf Bitterstoffe oder Polyphenole hindeuten, süß auf Schleimstoffe oder Polysaccharide, scharf auf ätherische Öle oder scharfwirkende Verbindungen. Aromatisch weist auf volatile Öle hin. Diese sensorische Einschätzung ist validiert durch moderne Forschung: Die Datenbank PlantMolecularTasteDB ordnet tausenden Pflanzenstoffe sensorische Profile zu. PMC+1
Beispiel:
Ein Tee aus Eibischwurzel schmeckt mild‑süß, der Mund wird weich und befeuchtet → wahrscheinlich Schleimstoffe, gut bei trockener Schleimhaut.
Ein Tee aus Wermutkraut schmeckt stark bitter, Mund trocken, leicht zusammenziehend → Hinweis auf Bitterstoffe oder Polyphenole, gut bei Verdauungsschwäche.
Test 2: Wirkung beobachten – Körperlicher Eindruck nach dem Tee
Nach dem Genuss beobachtest du, was sich im Körper tut:
- Spürst du Wärme oder Kälte? Auflockerung, Entspannung oder Schwere?
- Bessert sich die Verdauung? Wird der Magen ruhiger? Gibt es mehr Galle- oder Saftfluss?
- Gibt es Schleimlösung, Linderung bei Husten, besseres Atmen?
- Wie verhält sich das Nervensystem – beruhigt, aktiviert, ausgeglichen?
Diese Wahrnehmungen helfen, die sensorische Einschätzung mit Wirkung zu verbinden. So kann Geschmack ein Indikator für Wirkung sein — wenn auch immer subjektiv.
Wissenschaftlicher Hintergrund: Eine Analyse aus der Phytochemie zeigte, dass der „molekulare Geschmack” (plant molecular taste) von Pflanzen mit Anti‑Inflammationswirkung korreliert. Bitterkeit war dabei besonders stark mit anti‑inflammatorischen Effekten verbunden. MDPI+1
Test 3: Kombination & Vergleich – Mischungen und Gegenüberstellungen
Du kannst Tees mischen oder parallel testen:
- Mische eine Bitterpflanze mit einer Schleim‑pflanze (z. B. Wermut + Eibisch) → Milderung der Bitterkeit, bessere Verträglichkeit, Wirkung auf Verdauung + Schleimhautschutz
- Vergleiche zwei Kräuter mit gleicher Wirkungsrichtung, aber unterschiedlichem Geschmack → z. B. aromatisch vs. scharf: teste Wirkung und Gefühl
- Teste unterschiedliche Ziehzeiten oder Wassertemperaturen → viele Stoffe lösen sich nur bei bestimmten Bedingungen (z. B. ätherische Öle vs. Gerbstoffe)
So nutzt du Teeverkostung-Kräuter als begleitende Methode für Rezeptentwicklung und individuelle Anpassung.
Beispiel‑Rezepte für deine Kräuter-Teeverkostung in der Praxis
Hier drei einfache Teekombinationen für deine Kräuter-Teeverkostung, die du direkt testen kannst:
1. Schleimhäute beruhigen & stützen
- 50 % Eibischwurzel
- 30 % Malvenblätter
- 20 % Spitzwegerich
Ziehzeit: 10 Minuten, lauwarm trinken. Wirkung: Schutz der Schleimhäute, mild, beruhigend
2. Verdauung & Leber unterstützen
- 40 % Löwenzahnwurzel (bitter)
- 40 % Artischockenblätter (bitter)
- 20 % Pfefferminze (aromatisch)
Ziehzeit: 5–7 Minuten, warm trinken. Wirkung: Verdauungsanregung, Leber‑ und Galle-Unterstützung
3. Durchblutung & Entschlackung
- 50 % Ingwer (frisch oder getrocknet, scharf)
- 30 % Rosmarin (aromatisch)
- 20 % Brennnessel (mineralstoffreich, leicht salzig)
Ziehzeit: 7 Minuten, etwas länger ziehen lassen. Wirkung: wärmend, anregend, entgiftend
Hinweise & Grenzen der Kräuter-Teeverkostung
- Geschmack ist subjektiv und variiert je nach Person und Tagesform. Dokumentiere deinen Eindruck neutral.
- Inhaltsstoffe lösen sich unterschiedlich — abhängig von Wassertemperatur, Ziehzeit, Schnittgröße, Alter der Pflanze.
- Wirkung ist nicht allein von Geschmack abhängig. Kombination von Erfahrung, Literatur und Analyse bleibt wichtig.
- Manche wirksamen Pflanzenstoffe sind nicht wasserlöslich und deshalb nicht im Tee enthalten.

In 6 Schritten zur Bestimmung von Heilpflanzen durch eine Kräuter-Teeverkostung
Die professionelle Bestimmung von Heilpflanzen durch ihren Geschmack erfordert Übung, Achtsamkeit und ein methodisches Vorgehen. Wende diesen Prozess nur bei Pflanzen an, die du bereits als sicher und essbar identifiziert hast.
Schritt 1: Die Vorbereitung Beginne mit einem neutralen Gaumen. Trinke etwas Wasser und vermeide intensive Geschmäcker wie Kaffee oder scharfe Speisen kurz vor der Verkostung. Verwende eine kleine Menge der Pflanze – ein kleines Stück Blatt oder Wurzel genügt.
Schritt 2: Der erste Eindruck Nimm die Pflanze in den Mund und zerkaue sie langsam. Konzentriere dich auf den allerersten Geschmack, der sich auf Ihrer Zunge entfaltet. Ist er süß, sauer, salzig, bitter, scharf oder zusammenziehend? Dieser erste Eindruck ist oft der dominanteste Geschmack.
Schritt 3: Die Entwicklung des Geschmacks bei einer Kräuter-Teeverkostung: Bleibe bei der Wahrnehmung. Verändert sich der Geschmack? Manchmal tritt ein zweiter oder sogar dritter Geschmack hinzu. Eine Pflanze kann beispielsweise zuerst süßlich schmecken und dann eine bittere oder scharfe Note entwickeln. Notiere die Reihenfolge und Intensität.
Schritt 4: Die körperliche Reaktion beobachten
Der Geschmack löst unmittelbare körperliche Reaktionen aus. Achte auf folgende Empfindungen:
- Temperatur: Fühlt sich der Mundraum wärmer oder kühler an? Scharfer Geschmack (Ingwer) erzeugt Wärme, während saurer oder bitterer Geschmack (Zitrone, Endivie) oft als kühlend empfunden wird.
- Feuchtigkeit: Regt die Pflanze den Speichelfluss an (saftig, befeuchtend) oder hinterlässt sie ein trockenes, pelziges Gefühl (trocknend, zusammenziehend)?
- Andere Empfindungen: Spüre ein Kribbeln, eine Betäubung oder eine krampflösende Wirkung im Mund oder Rachen?
Schritt 5: Geschmack und Inhaltsstoffe korrelieren Mit der Zeit lernt man, den wahrgenommenen Geschmack mit wahrscheinlichen Inhaltsstoffgruppen zu verknüpfen. Dies ist der Kern der Bestimmung von Heilpflanzen durch eine Kräuter-Teeverkostung.
© Marlies Schneider, Dipl. Kräuterexpertin FNL
Kräuterkurse, Kräuterwanderungen Vorarlberg
FNL Bezirksleitung Bregenz
Haftungsausschluss/Disclaimer
Ich muss aufgrund der Rechtslage darauf hinweisen, dass ich keine Medizinerin oder auch Kosmetikerin, Köchin bin. Alle Aussagen, die ich auf meinem Blog über Wirkungsweisen/Eigenschaften von Kräutern, Rezepten, Rohstoffen treffe, basieren auf meiner persönlichen Erfahrung und Verwendung und der Volksheilkunde. Es handelt sich bei keinem meiner Blogbeiträge um ein Heilversprechen oder Ähnliches, diese basieren auf Erfahrungswerten der Volksheilkunde. Die Inhalte ersetzen keinen Gang zum Arzt. Eine Eigendiagnose kann nicht gestellt werden. Wenn, du meine Rezepte nachmachst, dann auf Eigenverantwortung.
Quellen
- Gradinaru TC, Petran M, Dragos D, Gilca M. PlantMolecularTasteDB: A Database of Taste Active Phytochemicals. Frontiers in Pharmacology. 2022.
- Dragoș D. u.a. Phytochemicals and Inflammation: Is Bitter Better? Plants. 2022.
- Temóteo Silva u.a. How does bitter taste guide the utilization of medicinal plants in the semiarid region of Brazil? Ethnobotany Research and Applications. 2024.
- Study zur sensorischen Bewertung: The taste sensory evaluation of medicinal plants and Chinese medicines. PubMed. 2007.
- Dragos, D., & Gilca, M. (2018). Taste of phytocompounds: A better predictor for ethnopharmacological activities of medicinal plants than the phytochemical class? Journal of Ethnopharmacology, 220, 129-146.
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