Wald-Bingelkraut bestimmen: Merkmale sicher erkennen

Wald-Bingelkraut bestimmen gelingt nur, wenn du die Pflanze genau beobachtest. Wald-Bingelkraut bestimmen heißt, mehrere Merkmale gleichzeitig zu prüfen. Wald-Bingelkraut bestimmen ist nicht so schwer, wenn du sie erst einmal entdeckt hast.

Hier bekommst du neun konkrete Fakten, mit denen du sie sicher erkennst.

Wald-Bingelkraut bestimmen

Wald-Bingelkraut bestimmen: Eine Pflanze über die keiner spricht

1. Standort: Wo wächst Wald-Bingelkraut – Mercurialis perennis?

Mercurialis perennis bevorzugt:

  • schattige Laubwälder
  • Buchenwälder
  • feuchte, humusreiche Böden (Burgenlandflora)

Wenn du die Pflanze im dichten Wald findest, ist es fast immer diese Art. In Vorarlberg bildet sie zum Teil Teppiche im Wald.

Mercurialis annua wächst dagegen eher auf:

Diese Variante habe ich in Vorarlberg noch nie entdeckt.

2. Teppichbildung

Ein markantes Merkmal:

  • wächst flächig
  • bildet dichte Bestände
  • dominanter Waldbodenbewuchs

Die Pflanze breitet sich über Rhizome aus.


3. Merkmale der Pflanze – Zweihäusig: Männlich und weiblich

Wald-Bingelkraut ist zweihäusig:

  • männliche Pflanzen tragen nur männliche Blüten
  • weibliche Pflanzen tragen nur weibliche Blüten

Die Blüten sind klein, grün und unscheinbar (Pflanzen-Deutschland).


4. Gegenständige Blätter

Blätter stehen:

  • paarweise gegenüber
  • oval bis lanzettlich
  • fein gezähnt (Info Flora)

Blattlänge: 4–12 cm.


5. Stängel: weich und unverzweigt

  • unverzweigt
  • weich, grün
  • leicht kantig
  • Höhe: 15–40 cm 

6. Blüten: Geschlecht erkennen

Männlich:

  • lange, lockere Blütenstände
  • viele Staubblätter

Weiblich:

7. Unterschiede zu Mercurialis annua

MerkmalWald-Bingelkraut (perennis)Mercurialis annua
Lebensdauermehrjährigeinjährig
StandortWaldoffene Flächen, Gärten
WuchsTeppicheeinzelne Pflanzen
Höhe15–40 cmbis 70 cm
Blattbreitebreitschmal
Standortsansprüchehumusreich, schattignährstoffreich, sonnig
Wald-Bingelkraut bestimmen

8. Geruch

Beim Zerreiben der Blätter entsteht ein strenger, leicht fischartiger Geruch.
Dies ist ein zusätzliches Erkennungsmerkmal.


9. Historisches Wissen und Mythen

  • Name „Mercurialis“ bezieht sich auf Merkur oder Quecksilber (De Academic)
  • Mittelalterliche Quellen berichten von Wald-Bingelkraut in Flugsalben
  • Verwendung in Zauber- und Heilpflanzen-Mischungen (MDPI Ethnobotany)

Botanische Einordnung

Familie: Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae)

  • oft giftig
  • keine typische Milchsaftbildung

Boden und Zeigerwert

  • stickstoffreiche Böden
  • kalkhaltig
  • feucht

Zeigerpflanze für nährstoffreiche Wälder 


Verbreitung

  • Europa: Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich
  • Vorderasien, Nordafrika 

Giftigkeit

  • ganze Pflanze giftig
  • kann Übelkeit, Durchfall und Schleimhautreizungen verursachen
  • innerlich nicht anwenden (Walaarzneimittel)

Checkliste zum Bestimmen

  • Waldstandort
  • Teppichbildung
  • gegenständige Blätter
  • getrennte männliche/weibliche Pflanzen
  • kleine grüne Blüten
Wald-Bingelkraut bestimmen

Einen kleinen Artikel vor ein paar Jahren zum Wald-Bingelkraut habe ich noch auf dem Blog. Hier kannst du noch mehr dazu nachlesen:

 

Es gibt eine belegte historische Quelle dafür, dass Wald‑Bingelkraut (Mercurialis perennis) in mittelalterlichen Salbenrezepten vorkam.

In einem Heilpflanzenlexikon wird beschrieben, dass im Mittelalter Bingelkraut (Mercurialis perennis) als eine der Zutaten in sogenannten „Hexensalben“ oder „Flugsalben“ genannt wurde. Dort gehörte es zusammen mit anderen stark wirkenden Kräutern zu traditionellen Rezepturen, die damals in volkstümlichen Überlieferungen erwähnt wurden.

Beleg:
Das Heilpflanzenlexikon „Bingelkraut“ erwähnt explizit:

Im Mittelalter war das Bingelkraut Bestandteil von Hexensalben, die nach einer alten Rezeptur folgende neun Kräuter enthalten sollten: … Godeskraut (Mercurialis) … Tollkirsche … Bilsenkraut …

Diese historischen Salben werden in verschiedenen volkstümlich‑ethnographischen Quellen als „Flugsalben“ beschrieben – also Salben, die im Volksglauben besondere Wirkungen haben sollten (z. B. Sinnestäuschungen oder Visionen, die mit dem Bild von „Fliegen“ assoziiert wurden).

Das bedeutet: Die Verwendung von Wald‑Bingelkraut in solchen Salben ist keine reine moderne Legende, sondern hat historische Belege in Kräuterbuch‑Überlieferungen.

 

Flugsalbe

Historische Quellen zu Wald‑Bingelkraut in Salben

1. Hexensalben / Flugsalben im Mittelalter

In historischen Kräuter‑ und Medizintexten wurden Pflanzen mit starken Wirkstoffen in sogenannten Flugsalben oder Hexensalben genannt. Diese Mischungen stehen in Verbindung mit ritualisierten Anwendungen im europäischen Mittelalter.

Die Wikipedia‑Seite zum Thema „Flying ointment“ beschreibt Flugsalben als Substanzen, die im europäischen Volksglauben Hexen zur „Flugfähigkeit“ verhelfen sollten und aus verschiedenen stark wirkenden Kräutern bestanden. Viele Rezepte wurden überliefert und enthalten giftige Pflanzen.

Hier steht unter anderem:

Flying ointment … is a substance described in European folklore and early modern witch trials as enabling witches to fly, often on broomsticks.


2. Hartlieb‑Rezept aus dem 15. Jahrhundert

Ein konkreter historischer Beleg stammt aus dem Werk „Das Buch aller verbotenen Künste“ (1456) von Johannes Hartlieb (Bayerischer Leibarzt und Gelehrter). Dort wird ein Salbenrezept überliefert. In der Zutatenliste findet sich:

„… am Mittwoch Mercurialem …“

Mercurialem ist Mercurialis, also Bingelkraut.

Die sieben Kräuter aus Hartliebs Rezept sind:

  • Solsequium (Wegwarte) – Sonntag
  • Lunariam (Mondviole) – Montag
  • Verbenam (Eisenkraut) – Dienstag
  • Mercurialem (Bingelkraut) – Mittwoch
  • Barbam jovis (Dachhauswurz) – Donnerstag
  • Capillos Veneris (Frauenhaarfarn) – Freitag
  • Saturey oder Saturnkraut (Bohnenkraut/Alraune) – Samstag

Das ist ein direkter historischer Beleg, dass Wald‑Bingelkraut in mittelalterlichen Salbenrezepten vorkam und damals als Bestandteil starker Kräutermischungen beschrieben wurde.


3. Heilpflanzenlexikon: Wald‑Bingelkraut in Hexensalben

Das Heilpflanzenlexikon Bingelkraut (Mercurialis perennis) nennt eine mittelalterliche Rezeptur von Hexensalben, in der Wald‑Bingelkraut ausdrücklich als Zutat aufgeführt wird. Die Liste der Kräuter laut diesem Lexikon umfasst:

  • Mohnkraut
  • Eisenkraut
  • Godeskraut (Mercurialis)
  • Hauswurz
  • Liebfrauenhaar (Mauerraute)
  • Sonnenwende (Heliotropium)
  • Bilsenkraut
  • Tollkirsche
  • Sturmhut (Eisenhut)

Das ist ein weiteres historisches Rezept und zeigt, dass Wald‑Bingelkraut in traditionellen Salben vorkam.

© Marlies Schneider, Dipl. Kräuterexpertin FNL
Kräuterkurse und Kräuterwanderungen in Vorarlberg
FNL Bezirksleitung Bregenz

Haftungsausschluss/Disclaimer

Ich muss aufgrund der Rechtslage darauf hinweisen, dass ich keine Medizinerin oder auch Kosmetikerin, Köchin bin. Alle Aussagen, die ich auf meinem Blog über Wirkungsweisen/Eigenschaften von Kräutern, Rezepten, Rohstoffen treffe, basieren auf meiner persönlichen Erfahrung und Verwendung und der Volksheilkunde. Es handelt sich bei keinem meiner Blogbeiträge um ein Heilversprechen oder Ähnliches, diese basieren auf Erfahrungswerten der Volksheilkunde. Die Inhalte ersetzen keinen Gang zum Arzt. Eine Eigendiagnose kann nicht gestellt werden. Wenn, du meine Rezepte nachmachst, dann auf Eigenverantwortung.


Entdecke mehr von natur zum wohlfühlen

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Dieser Beitrag wurde unter Kräuter veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.