In diesem dritten Beitrag widmen wir uns konkret den Electuarium–Rezepte: historisch überlieferten Rezepturen bis hin zu modernen Interpretationen im Kräuter-Honig-Bereich – inklusive Hinweisen auf die ayurvedische Tradition.

Historische Electuarium-Rezepte
- Mithridaticum
Das berühmte Mithridatium (oder Mithridat) war eine antike komplexe Arznei mit vielen Zutaten, die König Mithridates VI entwickelte. Es war in Form eines Electuariums gebunden: Pulver + Süßstoff (Honig) und wurde als Antidot eingesetzt. - Theriac (Theriacale)
Die Weiterentwicklung: In der griechisch-römischen und mittelalterlichen Ärzteschaft galt Theriak als panaceales Mittel. Die Zubereitung erfolgte oft als Paste mit Honig, z. B. „electuarium theriacum“. Die öffentlichen Zubereitungs-Zeremonien zeigen den kulturellen Status.
Diese Zubereitungen werden heute nicht mehr angewandt bzw. gemischt. Denn Grundzutaten wie Opium und Tiergifte sind nicht erlaubt und gefährlich.
- Latwerge der Klosterheilkunde
Im deutsch-sprachigen Raum war die Latwerge eine dicke Saft-Honig-Mischung, medizinisch und kulinarisch genutzt – also eine Variante des Electuariums. Beispiel-Rezept wie ein Latwerg ausgesehen haben könnte: Fruchtsaft aus Quitten oder Pflaumen stark einkochen, mit Honig und Gewürzen versetzen, bis zäh-pastös.
Vermutlich wurde das Electuarium durch das Latwerg abgelöst. Denn nicht jeder hatte damals Zugang zu Honig. Aber Obst gab es doch hin und wieder.
Moderne Electuarium-Rezepte
Es werden getrocknete und möglichst fein pulverisierte Kräuter verwendet. Ein Honig nach Wahl kann für die Zubereitung verwendet werden.
- Kräuter-Honig zur Immun-Stärkung
Zutaten: Honig, Hagebuttenpulver, Sanddornpulver, Kurkumapulver, eine Prise schwarzer Pfeffer. Herstellung: Pulver mischen, Honig erwärmen, Zutaten einrühren, in Glas abfüllen. - „Goldene Milch“-Paste
Zutaten: Kurkumapulver, Ingwerpulver, Zimt- und schwarzer Pfeffer-Pulver, Honig. Mischung ergibt pasteartige Zubereitung, die mit warmer Milch eingenommen wird. Besonders an kalten Tagen ist sie als Getränk konsumiert wunderbar. Die Goldene Milch ist wohl eine der bekanntesten Zubereitungsformen. Nur wissen viele nicht, dass es sich im Grunde um ein Electuarium handelt.
- Hustenhonig
Zutaten: Honig, Thymianpulver, Fenchelsamenpulver, Eibischwurzelpulver. Herstellung: Pulver mischen, Honig erwärmen, einrühren, abfüllen. Anwendung: bei Husten oder Halsschmerzen lutschen. Ich rühre es auch ganz gerne in meinen Tee. - Stärkende Zubereitung Gänseblümchen, Giersch, Brennnessel, Ackerschachtelhalm, Schlüsselblumen und Gundermann in gleichen Teilen pulverisieren und mit Honig mischen. Das ist übrigens die Mischung der Kugeln auf dem Foto. Es wird nur so viel Honig verwendet, dass Kugeln geformt werden können. Ich habe sie einfach in Himbeerpulver für pink und Spirulina Pulver für blau und Fichtenpulver für grün gerollt.
Ayurveda-Hinweis
Im Ayurveda kennt man eine ähnliche Zubereitungsform: sogenannten Lehya (लिह्य), eine geleartige Zubereitung von Kräutern, Zucker oder Honig und Gewürzen, die gelutscht werden. Diese Tradition zeigt die universelle Verbreitung des Electuarium-Gedankens: Kräuter + süße Trägersubstanz.
Anwendungstipps
- Verwende möglichst hochwertigen Honig und fein gemahlene Kräuter.
- Sanft erwärmen, damit die Inhaltsstoffe nicht überhitzt werden.
- Dunkle, luftdichte Aufbewahrung – Paste haltbar im Kühlschrank einige Wochen.
- Dosierung: kleine Mengen reichen – ½–1 Teelöffel
- Achte auf mögliche Wechselwirkungen (z. B. wenn Kräuter bestimmte Wirkstoffe enthalten) und konsultiere Fachpersonen bei Unsicherheit.
Schlussbemerkung
Vom antiken Mithridatium über die mittelalterliche Theriak-Tradition bis zur heutigen Kräuter-Honig-Paste: Das Konzept des Electuarium zeigt eine durchgehende Verbindung von Heilkunst, Geschmack und Textur. Wer heute eine moderne Version herstellt, folgt einem jahrhundertealten Ansatz – und kann ihn mit zeitgemäßen Zutaten kreativ weiterdenken. Vermutlich war die Kräuter-Honig-Zubereitung das erste bekannte Dessert.
Begriffserklärung Teil 3:
Ab etwa 1900 verschwand das Wort weitgehend aus dem allgemeinen Sprachgebrauch, weil die pharmazeutischen Formen standardisiert wurden – man sprach nun von „Sirup“, „Paste“, „Elixier“ oder „Konfitüre“.
In der heutigen phytotherapeutischen Szene erlebt das Wort Electuarium jedoch eine Renaissance, oft im englischen Sprachraum („herbal electuary“), aber zunehmend auch wieder im deutschsprachigen Kräuterkontext. Dort dient es als elegante, traditionsbewusste Bezeichnung für Honig-Kräuter-Zubereitungen, die zwischen Nahrung und Heilmittel stehen.
Kurz zusammengefasst über Electuarium-Rezepte:
- Bedeutung: ableckbare, honiggebundene Arzneipaste
- Ursprung: griechisch ekleíchein („lecken“) → lateinisch electuarium
- Deutsche Entsprechung: Latwerge oder Leckmittel
- Erste Belege: antike Pharmatexte (1. Jh.), im Deutschen ab ca. 13.–14. Jh.
- Heutige Verwendung: Wiederentdeckung in der Kräuterheilkunde als traditionelle, honigbasierte Darreichungsform
Ursprung der Electuarium-Rezepte:
Culpeper beschrieb in seinem berühmten Werk The English Physician (1652) bzw. Pharmacopoeia Londinensis (1649) viele Electuaria, die er meist nach ihrer Hauptwirkung oder Hauptsubstanz benannte, etwa:
- Electuarium lenitivum – mild abführend, beruhigend
- Electuarium aromaticum – mit Gewürzen zur Stärkung von Magen und Herz
- Electuarium e scoria ferri – eisenhaltig, stärkend
- Theriacal Electuary – abgeleitet vom Theriak, als Allheilmittel gegen Gifte
Culpeper selbst notierte diese Rezepte in Lateinisch-Englischer Mischsprache, meist als Sammlung von Zutaten (Pulver, Harze, Honig, Zucker) mit genauen Dosierungen, bezogen auf das damalige Apothekermaßsystem (Drachmen, Unzen, Scrupel).
1. Beruhigendes Electuarium bei Husten
Zutaten:
- 50 g Honig
- 3 g Süßholzwurzelpulver
- 10 g Eibischwurzelpulver
- 5 g Thymianpulver
- 5 g Fenchelsamenpulver
Zubereitung:
- Die pulverisierten Zutaten gut vermischen.
- Den Honig erwärmen (nicht über 40 °C), um ihn flüssiger zu machen.
- Die Pulver langsam in den Honig einrühren, bis eine gleichmäßige Paste entsteht.
- In einem verschließbaren Glasgefäß aufbewahren.
Anwendung: 1 Teelöffel bei Bedarf einnehmen.
2. Verdauungsfördernde Zubereitung
Zutaten:
- 30 g Honig
- 5 g Fenchel- oder Anispulver
- 10 g Angelikawurzelpulver
- 5 g Ingwerpulver
- 1–2 Tropfen ätherisches Pfefferminzöl (optional)
Zubereitung:
- Die Pulver gut mischen.
- Honig erwärmen und mit den Pulvern verrühren.
- Optional das ätherische Pfefferminzöl hinzufügen.
- Die Masse in ein Glas füllen.
Anwendung: ½–1 Teelöffel nach dem Essen einnehmen.
3. Immunsystem-stärkende Zubereitung
Zutaten:
- 40 g roher Honig
- 25 g Hagebuttenpulver, ich verwende immer komplett pulverisierte Hagebutten.
- 10 g Sanddornfruchtpulver
- 5 g Kurkumapulver
- 1 Prise schwarzer Pfeffer
Zubereitung:
- Hagebutten- und Sanddornpulver sieben, um größere Stücke zu entfernen.
- Honig mit allen Pulvern verrühren.
- In einem Glasgefäß, kühl und dunkel lagern.
Anwendung: 1 Teelöffel täglich, am besten morgens.
4. Harz-Electuarium zur Atemwegsunterstützung
Zutaten:
- 5 g Kiefernharz (gereinigt), wie von der Fichte
- 30 g Bienenhonig
- 10 g Eibischwurzelpulver
- 5 g Myrrhenpulver
Zubereitung:
- Das Kiefernharz vorsichtig im Wasserbad schmelzen.
- Den Honig hinzufügen und verrühren.
- Die Pulver nach und nach einrühren, bis eine homogene Paste entsteht.
- In einem Glas, luftdicht verschließen.
Anwendung: ½ Teelöffel bei Husten oder Verschleimung einnehmen.
5. Belebendes Electuarium (adaptogen)
Zutaten:
- 40 g Honig
- 10 g Ginsengpulver
- 10 g Macapulver
- 5 g Ashwagandhapulver
- 1 Prise Zimt
Zubereitung:
- Pulver gut vermischen und nach und nach in den Honig einrühren.
- Masse in ein Glas geben und luftdicht verschließen.
Anwendung: 1 Teelöffel morgens oder vor geistiger Anstrengung einnehmen.
Fun Facts:
Electuarium Theriacale Magnum Original aus den Chronicles of Pharmacy
Wurzel der Florentiner Schwertlilie, Süßholz, jeweils 12 oz; Arabischer Costus, Pontischer Rhabarber, Fingerkraut, jeweils 6 oz; Ligusticum meum, Rhabarber, Enzian, jeweils 4 oz; Osterluzei, 2 oz; Scordiumkraut, 12 oz; Zitronengras, Andorn, Kretischer Diptam, Bergminze, jeweils 6 oz; Polei-Minze, Pinienrinde, Gamander, jeweils 4 oz; Blätter von Lorbeerkassie, 4 oz; Blüten von roten Rosen, 12 oz; Lavendel, 6 oz; Johanniskraut, 4 oz; Tausendgüldenkraut, 2 oz; Safran, 6 oz; Früchte von Amyris opobalsamum, 4 oz.; Zimt, 12 oz.; Cassia lignea,
Narde, je 6 oz.; Keltische Narde, 4 oz.; Langer Pfeffer, 24 oz.; Schwarzer Pfeffer, Ingwer, je 6 oz.; Kardamom, 4 oz.; Rapssamen, Blätterpilz, je 12 oz.; Samen von mazedonischer Petersilie, 6 oz.; Anis, Fenchel, Kresse, Seseli, Thlaspi, Amomum, Sandkraut, je 4 oz.; Karotte, 2 oz.; Opium, 24 oz.; Opobalsamum, 12 oz.; Myrrhe, Olibanum, Terpentin, je 6 oz.; Storax, Gummi arabicum, Sagapenum, je 4 oz.; Asphalt, Opoponax, Galbanum, jeweils 2 Unzen; Saft von Akazie und Hypocist, jeweils 4 Unzen; Rizinus, 2 Unzen; Lemnischer Bolus, gebrannter Vitriol, jeweils 4 Unzen; Trochisken von Meerzwiebeln, 48 Unzen; von Vipern, von Kalmus, jeweils 24 Unzen.
Verreiben Sie die Balsame, Harze und Gummis in einer ausreichenden Menge Wein, um eine dünne Paste zu bilden, und vermischen Sie das Ganze mit 960 Unzen Honig.
Confectio Damocratis (Mithridatium) Original aus den Chronicles of Pharmacy
Zimt: 14 Drachmen, Myrrhe: 11 Drachmen; Blätterpilz, Narde, Ingwer, Safran, Thlaspi-Samen, Weihrauch, Chio-Terpentin, jeweils 10 Drachmen, Kamelheu, Arabischer Costus (Zetower), Indisches Blatt (Muskatblüte), Französischer Lavendel, Langer Pfeffer, Hartkrautsamen, Saft aus Zistrosen, abgeseihtes Storax, Opoponax, abgeseihtes Galbanum, Balsam von Gilead (ausgedrücktes Muskatnussöl), Russischer Rizinus, jeweils 1 oz. Poley Mountain, Wasser-Gamander, Früchte des Balsambaums (Kubebben),
weißer Pfeffer, kretische Karottensamen, passiertes Bdellium, jeweils 7 Drachmen. Keltische Narde, Enzianwurzel, kretische Diptamblätter, rote Rosen, mazedonische Petersiliensamen, Samen des Kleinen Kardamoms, süße Fenchelsamen, Gummi arabicum, gefiltertes Opium, je 5 Drachmen. Kalmuswurzel, wilde Baldrianwurzel, Anissamen, passiertes Sagapenum, jeweils 3 Drachmen. Bärwurz, Johanniskraut, Akaziensaft (Catechu), Wadenbäuche, jeweils 2½ Drachmen.
Geklärter Honig, dreimal so schwer wie alles andere.
Theriaca Andromachi Original aus den Chronicles of Pharmacy
Pralinen mit Meerzwiebeln, ½ Pfund. Langer Pfeffer, abgesiebtes Opium, getrocknete Vipern, jeweils 3 oz. Zimt, Balsam von Gilead (ausgedrücktes Muskatnussöl), jeweils 2 oz. Blätterpilz, Iriswurzel, Scordium, rote Rosen, Navewsamen, Süßholzextrakt, jeweils 1½ Unzen. Narde, Safran, Kardamom, Myrrhe, Costus (Zitwer), Kamelheu, jeweils 1 oz. Fingerkrautwurzel, Rhabarber, Ingwer, Indisches Blatt (Muskatblüte), Kretische Diptamblätter, Andorn, Bergminze, Französischer Lavendel, schwarzer Pfeffer, Petersiliensamen, Weihrauch, Chio-Terpentin, Baldrianwurzel, jeweils 6 Drachmen. Enzianwurzel, Keltische Narde, Bärwurz, Berg-Johanniskraut, Pinienkerne, Kriechender Gamander, Früchte des Balsambaums (Kubeben), Anis, Fenchelsamen, Kleine Kardamompflanze, Bischofskraut, Hartkraut, Melassesenf, Saft aus Zistrosen, Katechu, Gummi arabicum, Storax, Sagapenum, Lemnische Erde (Armenischer Baumstamm), gebrannter Grüner Schwefel, jeweils ½ oz. Kriechende Osterluzei, Tausendgüldenkraut, kretische Karottensamen, Opoponax, passiertes Galbanum, russischer Rizinus, Judenpech (weißer Bernstein), Kalmuswurzel, jeweils 2 Drachmen.
Geklärter Honig, dreimal so schwer wie alles andere.
Man sieht schon, historisch waren es recht verrückte Rezepte mit fragwürdigen Zutaten.
© Marlies Schneider, Dipl. Kräuterexpertin FNL
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Haftungsausschluss/Disclaimer
Ich muss aufgrund der Rechtslage darauf hinweisen, dass ich keine Medizinerin oder auch Kosmetikerin, Köchin bin. Alle Aussagen, die ich auf meinem Blog über Wirkungsweisen/Eigenschaften von Kräutern, Rezepten, Rohstoffen treffe, basieren auf meiner persönlichen Erfahrung und Verwendung und der Volksheilkunde. Es handelt sich bei keinem meiner Blogbeiträge um ein Heilversprechen oder Ähnliches, diese basieren auf Erfahrungswerten der Volksheilkunde. Die Inhalte ersetzen keinen Gang zum Arzt. Eine Eigendiagnose kann nicht gestellt werden. Wenn du meine Rezepte nachmachst, dann auf Eigenverantwortung.
Quellen:
- Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)
- Oxford Latin Dictionary: electuarium
- Wikipedia: Latwerge – Etymologie & historische Verwendung
- Nicholas Culpeper (1652): The English Physician Enlarged
- Pharmacopoeia Londinensis (1618, revidiert 1649)*
- Chronicles of Pharmacy by A.C. Wootton
- Dioskurides, De Materia Medica (1. Jh. n. Chr.) – Grundlage für süß gebundene Arzneiformen

