Pflanzliches Glycerin ist eine weitere Möglichkeit, um Pflanzenextrakte herzustellen. Im englischsprachigen Raum kennt man dieses Auszugsverfahren schon sehr lange. Warum dieses Auszugsverfahren bei uns noch nicht richtig bekannt ist, ist mir eigentlich schleierhaft.

Was ist Glycerin?
Die chemische Formel von pflanzlichem Bio-Glycerin (auch einfach „Glycerin“ oder „Glycerol“) ist:
C₃H₈O₃
Strukturformel:
HO–CH₂–CHOH–CH₂–OH
Das bedeutet, Glycerin besteht aus:
- 3 Kohlenstoffatomen (C)
- 8 Wasserstoffatomen (H)
- 3 Sauerstoffatomen (O)
→ und hat drei Hydroxygruppen (-OH), weshalb es ein dreiwertiger Alkohol (Triol) ist.
Pflanzliches Glycerin ist eine fast geruchlose und eine farblose dickflüssige Substanz. Es handelt sich dabei um eine natürliche Substanz und gehört zur Gruppe der Zuckeralkohole. Es wird unter anderem aus Mais, Soja, Palmen-, oder Kokosöl gewonnen. Allerdings kann es auch tierischen Ursprungs sein.
Glycerin wurde so um 1789 entdeckt und wird schon seit ungefähr 1846 für Pflanzenauszüge gebraucht. Es ist nicht gleichzusetzen mit einer alkoholische Tinktur, ich glaube da kommt bis lang kein Auszugsverfahren hin. Aber Glycerin bietet immerhin eine Alternative zur alkoholischen Tinktur.
Auszüge mit Glycerin werden oft als Glycerite, Glyzerat oder als glyco-extrakt benannt.
Glycerin ist eine dicke, gallertartige Flüssigkeit mit süßem Geschmack, welche durch die Fermentation von Zucker gewonnen wird. Es kann aber auch durch chemische Verfahren synthetisiert werden.
Glycerin findet in unserer Kosmetikindustrie große Anwendungen. Aber auch in der Kräuterindustrie wird es vielseitig verwendet. Achte einmal auf die Zutaten eines Hustensirups den du aus der Apotheke erworben hast. Oft werden diese auf Glycerinbasis hergestellt. Besonders dann, wenn es sich um Kindersäfte handelt.
Was löse ich mit Glycerin?
Das ist wohl die meist gestellte Frage wenn es um dieses Menstruum geht. Schauen wir uns Glycerin doch etwas genauer an.
1. Glycerin kann Stoffe lösen – ähnlich wie Wasser und einfache Alkohole
Glycerin ist ein dreiwertiger Alkohol (ein sogenanntes Polyol) und weist sowohl hydrophile (wasserliebende) als auch alkoholtypische Eigenschaften auf. Das bedeutet:
- Es kann polare Stoffe (z. B. Salze, Zucker, einige pflanzliche Wirkstoffe wie Flavonoide) gut lösen – wie Wasser.
- Es kann auch leicht lipophile bzw. organische Verbindungen lösen – wie aliphatische Alkohole (z. B. Ethanol oder Propanol), also Alkohole mit einer unverzweigten oder verzweigten Kohlenstoffkette.
2. Lösungsmittelwirkung in kosmetischen und pflanzlichen Zubereitungen
Durch diese Doppelnatur kann Glycerin:
- Wirkstoffe aus Pflanzen extrahieren (z. B. in Glyceriten).
- In kosmetischen Rezepturen sowohl wasserlösliche als auch manche fettlösliche Stoffe stabil in Lösung halten.
- Als Trägerstoff für Aromen, Duftstoffe oder Wirkstoffe dienen.
3. Vergleich mit Wasser und aliphatischen Alkoholen
| Stoff | Löst gut | Polarität | Beispielstoffe |
|---|---|---|---|
| Wasser | Hochpolare Stoffe | Sehr polar | Zucker, Salze, pflanzliche Glykoside |
| Alkohol (Ethanol) | Polare & leicht lipophile Stoffe | Mittel-polar | Ätherische Öle, manche Alkaloide, Harze |
| Glycerin | Polare & leicht lipophile Stoffe | Relativ Polar | Pflanzenschleime, Gerbstoffe, Aromen |
Fazit:
Mit dieser Aussage wird betont, dass Glycerin ein vielseitiges Lösungsmittel ist, das in der Lage ist, sowohl wasserlösliche als auch manche organisch lösliche Substanzen zu lösen – ähnlich wie Wasser und einfach gebaute Alkohole. Das macht es so wertvoll in Pharmazie, Kosmetik und Kräuterkunde.
Wasserlösliche Stoffe und auch Farbstoffe wie zum Beispiel Anthocyiane, welche zu den Flavonoiden zählen, lassen sich mit Glycerin wunderbar ausziehen.
Bei Glycerite handelt es sich also um pflanzliche Auszüge, bei denen das Lösungsmittel Glycerin ist. Um so einen Auszug zu machen, empfehle ich auf pflanzliches Bio-Glycerin zurück zugreifen. Ich kaufe immer eine PH.EUR Qualität welche auch für Arzneimittel und Lebensmittel zugelassen ist.
Alles in allem ist Glycerin eher schlechtes Lösungsmittel. Das bedeutet, dass die Einnahme von einer Glycerintinktur wesentlich höher ausfällt als bei einer alkoholischen Tinktur.
Eine Standarddosierung beläuft sich im Allgemeinen auf ca. 1 El pro Erwachsener und 1 Tl pro Kind. Man beachte allerdings wie auch bei den alkoholischen Tinkturen, es kommt immer auf die Pflanze an.
Was heißt „pflanzlich“ bzw. „Bio“ dabei?
Die Herkunft bezieht sich auf den Ausgangsstoff:
- Pflanzliches Glycerin wird durch Verseifung oder Umesterung von pflanzlichen Ölen und Fetten gewonnen, meist aus Kokosöl, Palmöl oder Sojaöl.
- Bio-Glycerin stammt zusätzlich aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft, d. h. ohne synthetische Pestizide, Gentechnik etc.
Die chemische Struktur bleibt immer gleich, egal ob pflanzlich oder synthetisch hergestellt – es handelt sich stets um C₃H₈O₃. Unterschiede gibt es nur in der Reinheit und Herkunft.
Pflanzliches Bio-Glycerin ist im Handel mit ungefähr 99,6 % erhältlich.

Warum jetzt überhaupt Glycerin als Menstruum?
Diese Art eines Kräuterauszuges ist für all jene die gerne auf alkoholische Tinkturen oder Extrakte verzichten möchten aus welchen Gründen auch immer.
Es ist eine Tinktur, die für Kinder tauglich ist und durch den süßen Geschmack gerne eingenommen wird. Zudem ist sie nicht so stark im Wirkstoffgehalt wie eine alkoholische Tinktur, welches wir bei Kindern gerne bevorzugen.
Um Glycerite selbst herzustellen benötigt man bevorzugt trockenes Pflanzenmaterial. Mit getrocknetem Pflanzenmaterial ist ein Glycerit sicher und stabil und man kann den Wassergehalt gut berechnen.
Wie stelle ich ein Glycerit her?
Grundlagen
- Verwendetes Glycerin: 99,6 % pflanzliches Glycerin
- Zielkonzentration (bei getrocknetem Material): 70 % Glycerin / 30 % Wasser
- Dichte Glycerin (99,6 %): ca. 1,26 g/ml bei 20 °C
- Glycerin ist hygroskopisch – d. h. es bindet Wasser – und braucht in gewissem Maße Wasser, um gut pflanzliche Wirkstoffe zu extrahieren.
- Warmer Auszug empfohlen: im Wasserbad über mehrere Stunden (ca. 50 – 60 °C, 2 – 4 Stunden, evtl. auch über mehrere Tage hinweg).
Vergleichstabelle: Glyceritauszug mit frischem vs. getrocknetem Pflanzenmaterial
| Kriterium | Frisches Material | Getrocknetes Material |
|---|---|---|
| Wassergehalt | Enthält selbst 70 – 90 % Wasser | Kein Wasser enthalten |
| Zusatz von Wasser | Kein Wasser zusetzen | 30 % Wasser zusetzen |
| Glycerinmenge | 100 % (reines Glycerin 99,6 %) | 70 % Glycerin, bezogen auf Gesamtvolumen |
| Zubereitungsmethode | Direkt mit Glycerin übergießen | Glycerin mit Wasser mischen, dann übergießen |
| Verhältnis Pflanze:Glycerin | ca. 1:2 bis 1:5, je nach Pflanze | ca. 1:5 bis 1:10, je nach Härte des Materials |
| Auszugsdauer | 2 – 4 Stunden im Wasserbad (evtl. wiederholen) | 2 – 4 Stunden im Wasserbad (evtl. wiederholen) |
| Filtration | Nach Abkühlung, durch Teefilter/Etamine | Nach Abkühlung, ggf. feiner filtern |
| Haltbarkeit | 6 – 12 Monate kühl und dunkel gelagert | mindestens 12 Monate oder länger |
Um dein Glycerit nun gut herzustellen, benötigt der Auszug wärme. Nur durch die Zuführung von Wärme gelangen die Wirkstoffe besser in das Glycerin.
In der Industrie werden die Glycerite für einen Monat in einem Wärmeschrank gestellt und bei konstanter Temperatur bei ca. 40 °C ausgezogen.
Zuhause benötigen wir ein Wasserbad. Größere Mengen ziehe ich bei 54°C im Magical Buttermaker aus.
Berechnung: 70 % Glycerinlösung aus 99,6 %igem Glycerin
Da Glycerin eine Dichte von ca. 1,26 g/ml hat, müssen wir nicht einfach 70 ml Glycerin und 30 ml Wasser mischen, sondern nach Gewicht vorgehen, um die gewünschte Konzentration zu erhalten. Hier habe ich dir eine Rechnung erstellt, wie du das bewerkstelligen kannst.
Beispiel: Du willst 100 g fertige Lösung (Glycerin + Wasser)
Ziel: 70 g Glycerin, 30 g Wasser
- Volumen Glycerin (in ml) = Gewicht (g) ÷ Dichte (g/ml)
= 70 g ÷ 1,26 g/ml ≈ 55,6 ml - Wasser: 30 g ≈ 30 ml (Dichte von Wasser ≈ 1,0 g/ml)
Mischverhältnis nach Volumen:
→ ca. 55,6 ml Glycerin + 30 ml Wasser = 85,6 ml Gesamtvolumen
→ ergibt 100 g Lösung mit 70 % Glycerinanteil nach Gewicht
Wenn du lieber 100 ml Lösung nach Volumen herstellen willst, musst du die Werte umrechnen oder wiegen.
Anleitung: Warmer Glyceritauszug im Wasserbad
Mit frischem Pflanzenmaterial
- Pflanzenmaterial zerkleinern, ggf. kurz anquetschen.
- In ein Schraubglas geben, mit reinem Glycerin (99,6 %) bedecken (z. B. 1:2 oder 1:3 Verhältnis).
- Glas verschließen, in ein Wasserbad stellen.
- Bei 50 – 60 °C für 2 – 4 Stunden ausziehen lassen, gelegentlich schütteln.
- Optional: über mehrere Tage immer wieder erwärmen.
- Abseihen, dunkel & kühl lagern.
Mit getrocknetem Pflanzenmaterial
- Glycerin-Wasser-Mischung im Verhältnis 70:30 nach Gewicht herstellen.
- Getrocknetes, fein geschnittenes Pflanzenmaterial in ein Schraubglas geben.
- Mit der Glycerin-Wasser-Mischung im Verhältnis 1:5 bis 1:10 übergießen.
- Analog im Wasserbad ausziehen wie oben.
- Abfiltern, beschriften, kühl lagern.
Wann kann man ein Glycerit verwenden?
Glycerin wird öfters in der Kosmetik verwenden. Wir können somit ein Glycerit als Wirkstoff in unser Kosmetikprodukt hinzugeben.
Beachte: Ein Glycerit kann den kompletten Glycerinanteil in deinem Rezept ersetzen. Aber bei einer Gesichtscreme sollte das Glycerin nicht mehr als 5 % ausmachen. Ich persönlich bevorzuge maximal 3 %. Sonst hast du ein klebriges Gefühl im Gesicht. Das ist recht unangenehm.
In einem Duschgel darf es höher dosiert werden, wir sprechen hier von ungefähr 10%.
In der Kosmetik kommt oft Glycerin zum Einsatz. Mit einem Glycerit bekomme ich noch etwas Pflanzenpower in mein Produkt. Warum also, soll ich keine Glycerite herstellen und das gewöhnliche Glycerin damit ersetzen? Es macht auch unglaublich viel Spaß mit Glyceriten zu arbeiten und diese herzustellen. Die Aromen die das Glycerin aufnehmen kann sind fantastisch. Auch die Farbstoffe werden großartig damit ausgezogen. Somit wissen wir, dass wir einiges an Flavonoiden als Wirkstoffe zusetzen können.
Achtung:
Wenn du einfach ein Glycerin durch ein Glycerit mit Wasserzugabe ersetzen willst, ist das im Normalfall kein problem. Musst du aber laut deinem Rezept einen Wirkstoff im Glycerin lösen, kann das zu Problemen führen. Wenn nämlich Wasser in einem Glycerit enthalten ist, lässt sich mancher Wirkstoff nicht auflösen. Hierbei musst du unbedingt die Angaben deines Rohstoffes berücksichtigen.
Viel Spaß beim Experimentieren und Ausprobieren!
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© Marlies Schneider, Dipl. Kräuterexpertin FNL
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Haftungsausschluss/Disclaimer
Ich muss aufgrund der Rechtslage darauf hinweisen, dass ich keine Medizinerin oder auch Kosmetikerin, Köchin bin. Alle Aussagen, die ich auf meinem Blog treffe über Wirkungsweisen/Eigenschaften von Kräutern, Rezepten, Rohstoffe basieren auf meiner persönlichen Erfahrung und Verwendung sowie aus der Volksheilkunde. Es handelt sich bei keinem meiner Blogbeiträge um ein Heilversprechen oder ähnliches. Die Inhalte ersetzen keinen Gang zum Arzt. Eine Eigendiagnose kann nicht gestellt werden. Wenn du meine Rezepte nachmachst dann auf Eigenverantwortung.
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