Der Begriff historisches Electuarium bezeichnet – wie bereits im ersten Beitrag erläutert – eine Arzneiform, bei der pulverisierte Wirkstoffe in eine süße Masse wie Honig oder Sirup eingebettet werden. Es ist also eine Kräuter-Honig-Paste.
Der heutige Beitrag stellt die Anwendungen, Vorteile und Risiken eines solchen honiggebundenen Arzneimittels ins Zentrum: warum Honig? Welche Vorteile bringt diese Zubereitungsform? Und welche Nachteile sollten beachtet werden?

Ein historisches Electuarium war über Jahrhunderte eine wichtige Zubereitungsform in der Kräuterkunde. Kräuter wurden mit Honig oder Sirup zu einer streichfähigen Masse verarbeitet.
Auch wenn ein historisches Electuarium traditionell gut verträglich ist, lohnt sich ein genauer Blick auf Herstellung, Haltbarkeit und Anwendung. In diesem Beitrag erfährst du, was ein historisches Electuarium ausmacht und worauf du heute achten solltest.
Warum Honig?
Honig fungiert nicht nur als Süßungsmittel, sondern bringt mehrere günstige Eigenschaften mit:
- Er dient als Bindemittel: Pulver wirkt trocken und ungenießbar, mit Honig entsteht eine Paste, die gut gelutscht werden kann („electuariums“ = „zu leckendes Arzneimittel“).
- Er verbessert die Geschmacklichkeit: Viele Kräuter oder Mineralien sind bitter oder „streng“ im Geschmack – die Honigbindung macht die Einnahme angenehmer, was die Compliance in historischen Zeiten steigerte.
- Honig kann selbst eine mild heilende Wirkung haben – z. B. bei Husten, Halsbeschwerden oder äußerer Anwendung.
Historisches Electuariums : Vorteile einer Kräuter-Honig-Paste
- Palatabilität: Eine bitter wirkende Mischung wird durch Honig leicht akzeptierbar.
- Langsame Freisetzung: Pastehafte Zubereitungen bleiben im Mund und wirken über längere Zeit, was insbesondere bei Kräuterwirkstoffen sinnvoll sein kann.
- Flexibilität der Einnahme: Man kann die Paste direkt lutschen, in warmem Wasser/Milch oder Tee auflösen oder auf Brot einnehmen – das macht sie vielseitig.
- Kombination vieler Wirkstoffe: Historisch erlaubte die Pasteform die Kombination zahlreicher Zutaten – wie bei Theriak oder Mithridat.
- Haltbarkeit und Lagerung: Honig- oder Sirupgebundene Zubereitungen waren in Zeiten ohne moderne Konservierung länger verwendbar.
- Symbolische/mystische Wirkung: In früheren Jahrhunderten verlieh die „edle Form“ (süß, dick, pastös) einer Arznei zusätzliches Prestige – was die therapeutische Wirkung weiter stärkte (Placebo-/Ritualeffekt).
- Moderne Adaption: Heute finden sich „Electuaria“ im Bereich der Kräuter-Honig-Pasten wieder – z. B. als Hustenhonig, Digestivpaste oder Gewürzhonig („goldene Milch“-Kur). Auch hierbei handelt es sich um ein historisches Electuarium.
Nachteile und Risiken
- Zuckergehalt: Honig enthält viel Frucht- und Traubenzucker – bei regelmäßigem, größeren Verzehr sind Kalorien und Einfluss auf Blutzucker zu bedenken.
- Unkontrollierte Dosierung: In historischer Form enthielten Electuaria häufig viele, auch potenziell riskante Inhaltsstoffe (z. B. Opium, Tierbestandteile bei Theriak) – moderne Adaptationen müssen sauberer formuliert sein.
- Haltbarkeit/ hygienische Risiken: Wenn nicht korrekt gearbeitet oder gelagert, kann die Paste fermentieren oder mikrobiell kontaminiert werden. Das passiert meist, wenn frische Pflanzen verwendet werden. Früher war ab und zu eine Fermentation erwünscht.
- Allergien & Unverträglichkeiten: Kräuter, Harze, Scharfstoffe oder Honig selbst können Allergien oder Unverträglichkeiten auslösen.
- Falsche Sicherheitsannahmen: Historisch wurden Electuaria oft als „Allheilmittel“ beworben (z. B. Theriak als Universalantidot) – moderne Evidenz fehlt vielfach.
- Kinder & Honig: Bei Säuglingen besteht Risiko einer Botulismus-Erkrankung bei Rohhonigverzehr – auch wenn diese Form selten so konzentriert eingesetzt wird, sollte Vorsicht gelten.
Praktische Anwendungshinweise für ein historisches Electuarium:
- Wenn du eine moderne Kräuter-Honig-Paste (Electuarium) herstellen möchtest, achte auf eine gute Qualität des Honigs, getrocknete Kräuter (fein gemahlen), saubere Gefäße und dunkle Lagerung. Die Pulver sollten gesiebt werden, für eine angenehme Einnahme.
- Die Einnahme kann z. B. vor dem Schlafen, bei Husten oder zur allgemeinen Stärkung erfolgen – kleine Mengen reichen oft.
- Konsultiere bei chronischen Erkrankungen, Schwangerschaft oder Kindern vorher eine Fachperson – nicht jede Kräutermischung ist harmlos.
- Behalte realistische Erwartungen: Solche Pasten können unterstützend wirken, aber ersetzen nicht notwendige medizinische Therapien.
Begriffserklärung Teil 2 für ein historisches Electuarium:
Die erste belegte deutschsprachige Erwähnung findet sich im späten Mittelalter, wo man den Begriff in den Apothekenbüchern oft in lateinischer Form ließ, aber im Deutschen übersetzte man ihn bald zu „Latwerge“ oder „Leckmittel“.
Das Wort Latwerge geht etymologisch auf das mittellateinische electuarium zurück, via althochdeutsch latuarich → mittelhochdeutsch latwerge. Diese Formen bezeichneten genau dieselbe Zubereitung – eine dicke, süß gebundene Paste aus Heilsubstanzen.
In alten Kräuterbüchern wie dem von Hieronymus Bock (1539) oder Leonhart Fuchs (1543) findet man beides: das gelehrte Electuarium in der lateinischen Rezeptüberschrift und den volkstümlichen Begriff Latwerge oder Leckmittel in der Beschreibung.
Beispielhafte Entwicklung der Begriffe:
- Griechisch: ἐκλείχειν → „ablecken“
- Lateinisch: electuarium → „Leckmittel“
- Mittellateinisch: lectuarium, electuarium
- Althochdeutsch: latuarich
- Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch: Latwerge
Während Latwerge im Laufe der Zeit ins kulinarische Sprachfeld überging – also Mus, Fruchtpaste, eingekochter Saft –, blieb Electuarium im pharmazeutischen Bereich als Fachbegriff erhalten. In Apothekenverzeichnissen des 17. bis 19. Jahrhunderts findet man ihn häufig, etwa in Kombinationen wie Electuarium lenitivum (milde Latwerge), Electuarium aromaticum (gewürzreich) oder Electuarium theriacale (Theriak-Latwerge).
Für mich gibt es jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen einem Latwerg, welches oft eingedicktes Obst/Mus ist. Und das historische Electuarium, welches Kräuterpulver mit Honig darstellt.
So ein historisches Electuarium ist auch eine etwas gesündere Alternative zu Süßkram.
© Marlies Schneider, Dipl. Kräuterexpertin FNL
Kräuterkurse, Kräuterwanderungen Vorarlberg
FNL Bezirksleitung Bregenz
Haftungsausschluss/Disclaimer
Ich muss aufgrund der Rechtslage darauf hinweisen, dass ich keine Medizinerin oder auch Kosmetikerin, Köchin bin. Alle Aussagen, die ich auf meinem Blog über Wirkungsweisen/Eigenschaften von Kräutern, Rezepten, Rohstoffen treffe, basieren auf meiner persönlichen Erfahrung und Verwendung und der Volksheilkunde. Es handelt sich bei keinem meiner Blogbeiträge um ein Heilversprechen oder Ähnliches, diese basieren auf Erfahrungswerten der Volksheilkunde. Die Inhalte ersetzen keinen Gang zum Arzt. Eine Eigendiagnose kann nicht gestellt werden. Wenn du meine Rezepte nachmachst, dann auf Eigenverantwortung.
Quellen zum Weiterlesen & Verlinken:
- Quellen:
- „Electuaries are medicinal pastes …“ (Hrcak) hrcak.srce.hr
- „Making Herbal Honey: …“ (Hawthorn & Honey) Hawthorn & Honey
- Teriakhistorie (Kugener) kugener.com























